Stängelfäule an Tomaten erkennen und stoppen
Du stehst vor deinen Tomatenpflanzen und siehst schwarze, eingesunkene Flecken am Stängel, kurz über der Erde. Die Blätter darüber hängen schlaff, obwohl du regelmäßig gegossen hast. Was zunächst wie ein lokales Problem aussieht, ist in Wirklichkeit ein Angriff auf die Lebensader der Pflanze. Stängelfäule ist eine der hinterhältigsten Tomatenkrankheiten, weil sie von unten kommt und oft zu spät erkannt wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Stängelfäule bei Tomaten wird hauptsächlich durch den Pilz Didymella lycopersici verursacht, Grauschimmel (Botrytis cinerea) kann ebenfalls Stängelbefall auslösen
- Schwarze, eingesunkene Flecken am Stammgrund mit kleinen dunklen Punkten (Pyknidien) sind das typische Erkennungsmerkmal von Didymella
- Grauer, stäubender Pilzrasen auf dem Stängel deutet auf Botrytis hin
- Feuchte, kühle Bedingungen um 15-20°C und mangelnde Luftzirkulation fördern den Befall
- Befallene Pflanzenteile sofort entfernen und in den Restmüll, niemals auf den Kompost
- Kupfermittel gegen Braunfäule schützen gleichzeitig gegen Didymella-Stängelfäule
- Vorbeugung ist entscheidend: gute Luftzirkulation, richtiges Gießen, Pflanzenhygiene
Zwei Pilze, ein Symptom

Wenn der Stängel deiner Tomate fault, stecken in der Regel einer von zwei Pilzen dahinter. Sie unterscheiden sich in ihrer Biologie und ihrem Aussehen, teilen aber die Vorliebe für Feuchtigkeit und mangelnde Luftbewegung.
Didymella lycopersici ist der spezifischere der beiden. Er befällt vor allem Tomaten und tritt typischerweise am Stammgrund auf, also genau dort, wo Stängel und Erde aufeinandertreffen. Diesen Pilz nennt man auch den Erreger der klassischen Tomatenstängelfäule. Er ist ein echter Schlauchpilz (Ascomycet) und bildet charakteristische Fruchtkörper, sogenannte Pyknidien, die als kleine schwarze Punkte innerhalb der Faulflecken sichtbar sind.
Botrytis cinerea, der Grauschimmel, ist ein Generalist. Er befällt über 235 verschiedene Pflanzenarten, von Tomaten und Gurken bis hin zu Rosen und Erdbeeren. An Stängeln zeigt er sich mit seinem namensgebenden grauen, stäubenden Pilzrasen. Unter ungünstigen Bedingungen, etwa bei zu enger Bepflanzung oder schlechter Belüftung im Gewächshaus, kann er ganze Pflanzreihen befallen.
Der Unterschied zwischen beiden ist praxisrelevant: Kupfermittel wirken gegen Didymella, aber nicht gegen Botrytis. Wer beide Erreger auseinanderhalten kann, wählt das richtige Gegenmittel.
Symptome richtig deuten

Die genaue Beobachtung der Befallsstelle verrät dir viel über den Erreger.
Tomatenstängelfäule durch Didymella
Die Infektion beginnt fast immer am Stammgrund, also im untersten Stängelbereich kurz über der Erdoberfläche. Dort entstehen zunächst kleine, dunkle Stellen, die sich zu schwarzen, eingesunkenen Flecken ausweiten. Mit der Lupe erkennst du in diesen Flecken winzige schwarze Punkte, die Pyknidien. Das sind die Fruchtkörper des Pilzes, gefüllt mit Sporen. Bei feuchten Bedingungen kann ein rosafarbener bis gräulicher Sporenrasen entstehen.
Sobald der Befall den Stängel vollständig umfasst, ist die Verbindung zwischen Wurzel und oberirdischer Pflanze unterbrochen. Wasser und Nährstoffe kommen nicht mehr durch. Die Folge ist charakteristisch: Die Pflanze welkt plötzlich von oben, obwohl der Wurzelboden ausreichend feucht ist. Blätter vergilben, Früchte schrumpfen und bekommen dunkle Faulflecken am Stielansatz.
Grauschimmel am Stängel
Botrytis-Befall ist am grauen, stäubenden Pilzrasen zu erkennen. Bei trockenem Wetter kann dieser Rasen fehlen und der Stängel zeigt nur eine braune, weiche Stelle. Werden die befallenen Teile berührt, stäubt eine Wolke aus Sporen auf, die sich sofort mit dem Wind verbreiten. Auf Tomatenfrüchten entstehen außerdem sogenannte Geisterflecken: helle, runde Flecken mit hellem Ring, die durch Botrytis-Sporenkontakt entstehen.
Warum Stängelfäule entsteht
Beide Erreger haben eine klare Lieblingsbedingung: Feuchtigkeit kombiniert mit bestimmten Temperaturen. Du kannst ihnen das Leben schwer machen, wenn du verstehst, wann sie besonders aktiv sind.
Didymella lycopersici bevorzugt Temperaturen um 15 bis 20 Grad Celsius. Er nutzt vor allem Wunden als Eintrittspforte, die beim Ausgeizen entstehen, also beim Entfernen der Seitentriebe. Jede Wunde ist eine potenzielle Tür für den Pilz, solange die Bedingungen feucht sind. Auch durch die natürlichen Atemöffnungen der Pflanze kann er eindringen.
Botrytis cinerea ist weniger wählerisch mit der Temperatur, kommt aber besonders gut voran bei 20 bis 28 Grad und hoher Luftfeuchte. Er befällt zunächst abgestorbenes Gewebe, also abgefallene Blätter, abgeblühte Blütenteile oder Verletzungen, und dringt von dort in das lebende Gewebe vor. Stickstoffüberdüngung fördert weiches, anfälliges Gewebe und macht Pflanzen empfindlicher für Botrytis.
Die schlechteste Kombination für deine Tomaten ist also: eng gepflanzt, schlecht belüftet, von oben gegossen und reichlich mit Stickstoff gedüngt.
Vorbeugung: Was wirklich hilft
Stängelfäule lässt sich nicht heilen, wenn der Stängel einmal vollständig befallen ist. Deshalb ist Prävention die einzig wirksame Strategie. Die gute Nachricht: Die meisten Maßnahmen kosten nichts und lassen sich leicht in die alltägliche Gartenroutine einbauen.
Luftzirkulation sicherstellen
Der wichtigste Faktor ist frische Luft. Pflanze Tomaten mit mindestens 60 bis 80 Zentimeter Abstand zueinander. Im Gewächshaus regelmäßig lüften, besonders morgens und nachmittags. Entferne die untersten Blätter regelmäßig, damit bodennahe Feuchtigkeit schneller abtrocknet.
Richtig gießen
Gieße ausschließlich in den Wurzelbereich, niemals über die Blätter oder den Stängel. Morgens gießen ist besser als abends, damit die Pflanze bis zur Nacht abtrocknen kann. Vermeide Sprinkler und Overhead-Bewässerung vollständig. Wenn du ein Hochbeet oder eine Beeteinfassung hast, sorge dafür, dass kein Spritzwasser vom Boden auf die unteren Stängelteile trifft.
Beim Ausgeizen Wunden minimal halten
Kleine Wunden heilen schneller und bieten weniger Angriffsfläche für Didymella. Ausgeize Tomaten an trockenen, sonnigen Tagen, damit die Wunde rasch abtrocknet. Desinfiziere das Messer oder die Schere vor und nach dem Gebrauch, besonders wenn du mehrere Pflanzen nacheinander bearbeitest.
Fruchtwechsel einhalten
Pflanze Tomaten nicht mehrere Jahre hintereinander an denselben Standort. Der Erreger überdauert auf Pflanzenresten, Pfahlmaterial und im Boden. Ein Standortwechsel unterbricht den Kreislauf.
Gesundes Saatgut und Pflanzgut
Verwende nur Saatgut aus vertrauenswürdigen Quellen. Didymella kann über kontaminiertes Saatgut eingeschleppt werden. Kaufpflanzen aus dem Handel können bereits latent befallen sein.
Düngung ausgewogen halten
Überversorge deine Pflanzen nicht mit Stickstoff. Weiches, üppig gewachsenes Gewebe ist anfälliger für Botrytis. Eine ausgewogene Kaliumversorgung hingegen stärkt die Zellwände und macht die Pflanzen widerstandsfähiger.
Biologische Mittel und Hausmittel
Wer auf Chemie verzichten möchte, hat eine ganze Reihe von Möglichkeiten, um seine Pflanzen zu stärken und Pilzbefall vorzubeugen.
Schachtelhalmbrühe
Schachtelhalm enthält Kieselsäure, die die Zellwände von Pflanzen stärkt. Wöchentlich gesprüht, wirkt die Brühe vorbeugend gegen Pilzinfektionen. Du kannst Schachtelhalm selbst ernten und eine Brühe ansetzen oder fertigen Extrakt kaufen.
Milchlösung
Milch wirkt pilzhemmend und hat sich als Hausmittel bewährt. Für die Sprühbehandlung mischst du ein Drittel Milch mit zwei Dritteln Wasser und sprühst die Pflanzen damit ein, täglich für eine Woche, dann zweimal wöchentlich für drei weitere Wochen. Alternativ kannst du eine Gießmischung ansetzen: einen Liter Milch mit einem Würfel Frischhefe vermischen und auf zehn Liter Wasser auffüllen. Diese Mischung alle 14 Tage gießen.
Brennnesseljauche und Beinwelljauche
Beide Jauchen stärken den allgemeinen Pflanzenwuchs, wenn du sie zum Gießen verwendest. Brennnesseljauche liefert Stickstoff und Spurenelemente, Beinwelljauche Kalium und Kalzium.
Clonostachys rosea (biologisches Fungizid)
Dieser Bodenpilz ist ein natürlicher Gegenspieler von Didymella lycopersici. Nach dem Auspflanzen der Tomaten sprühst du ihn auf den Boden. Er siedelt sich im Bodenbereich der Pflanze an und unterdrückt die Ausbreitung des Krankheitserregers. Fertige Präparate mit diesem Wirkstoff sind im Gartenfachhandel erhältlich.
Mischkultur mit Knoblauch und Zwiebeln
Die Senföle, die Knoblauch und Zwiebeln ausdünsten, wirken hemmend auf verschiedene Pilze. Pflanze sie in der Nähe deiner Tomaten als natürlichen Schutzwall.
Kupfer als doppelter Schutz
Ein praktisch wichtiger Zusammenhang, den viele Hobbygärtner nicht kennen: Wer vorbeugend Kupferpräparate gegen die Kraut- und Braunfäule einsetzt, schützt seine Tomaten gleichzeitig gegen die Didymella-Stängelfäule. Kupfer erfasst den Tomatenstängelkrebs mit, ohne dass du extra behandeln musst.
Wichtig dabei: Kupfer wirkt nur vorbeugend und bei frischem Befall. Wenn der Stängel bereits vollständig umfasst ist, hilft auch Kupfer nicht mehr. Außerdem wirkt Kupfer nicht gegen Botrytis cinerea, den Grauschimmel. Bei unklarem Erreger ist es sinnvoll, Kupfer und Schachtelhalmbrühe im Wechsel einzusetzen.
Was tun bei Befall?
Wenn du Stängelfäule entdeckst, zählt schnelles Handeln. Je früher du eingreifst, desto größer die Chance, die Pflanze zu retten.
Schritt 1: Befallene Teile entfernen. Schneide alle sichtbar befallenen Pflanzenteile, Blätter und Stängelabschnitte großzügig weg. Desinfiziere das Schneidwerkzeug nach jedem Schnitt.
Schritt 2: Entsorgung im Restmüll. Befallenes Pflanzenmaterial gehört in den Restmüll oder die Biotonne, niemals auf den Kompost. Pilzsporen überleben im Kompost und gelangen so wieder in deinen Garten.
Schritt 3: Behandlung starten. Besprühe die Pflanze und die Umgebung des Stammgrundes mit Schachtelhalmbrühe. Wechsle nach einer Woche auf Milchlösung. Bei Verdacht auf Didymella kannst du Kupfermittel einsetzen.
Schritt 4: Luftzirkulation verbessern. Entferne benachbarte Pflanzenteile, die die Luftzirkulation einschränken. Öffne Gewächshausfenster häufiger.
Schritt 5: Stark befallene Pflanzen entfernen. Wenn der Stängel vollständig von schwarzen Faulflecken umgeben ist und die Pflanze welkt, lässt sie sich nicht retten. Entferne sie komplett, um andere Pflanzen zu schützen.
Häufige Fragen
Ist Stängelfäule ansteckend? Ja. Beide Erreger verbreiten ihre Sporen über Luftbewegung, Wasserspritzer und Gartengeräte. Entferne befallene Pflanzenteile sofort und desinfiziere Werkzeuge konsequent, um eine Ausbreitung zu verhindern.
Woher kommt Stängelfäule? Didymella lycopersici überwintert auf Pflanzenresten, Holzpfählen und im Boden. Er wird auch durch kontaminiertes Saatgut eingeschleppt. Botrytis cinerea lebt auf abgestorbenem organischen Material und ist eigentlich immer im Garten vorhanden, wartet aber auf die richtigen Bedingungen: Feuchtigkeit und dichten Stand.
Kann ich befallene Früchte noch essen? Früchte ohne sichtbaren Schimmelbefall und nur mit Hautflecken: Befallene Stellen großzügig wegschneiden, den Rest verwerten. Früchte mit grauem Pilzrasen (Botrytis) oder ausgedehnten Faulstellen komplett entsorgen.
Hilft ein Gewächshaus gegen Stängelfäule? Ein Gewächshaus schützt gut gegen Didymella, weil es Stängel und Blätter trocken hält. Gegen Botrytis kann es jedoch zum Problem werden, wenn die Luft nicht regelmäßig zirkuliert. Im Gewächshaus besonders auf Belüftung achten und konsequent lüften.
Stängelfäule oder Braunfäule? Braunfäule (Phytophthora infestans) befällt Blätter, Stängel und Früchte mit einem weißlichen Belag auf der Blattunterseite. Stängelfäule beginnt typischerweise am Stammgrund mit schwarzen Flecken ohne Blattbelag. Ein weiterer Unterschied: Phytophthora ist kein echter Pilz, Didymella und Botrytis schon.
Fazit
Stängelfäule ist eine ernste Krankheit, die schnell handeln erfordert. Wer die Unterschiede zwischen Didymella lycopersici und Botrytis cinerea kennt, kann gezielt reagieren und das richtige Mittel einsetzen. Noch wichtiger ist aber die Vorbeugung: ausreichend Platz zwischen den Pflanzen, bodennah gießen, beim Ausgeizen sorgfältig vorgehen und die Luftzirkulation im Gewächshaus sicherstellen. Diese einfachen Maßnahmen nehmen beiden Erregern die Grundlage. Und wenn du ohnehin Kupfer gegen Braunfäule einsetzt, schützt du deine Tomaten gleichzeitig vor der Stängelfäule, ohne Mehraufwand.
